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1. Gänsegeier – Personalausweis
Auf dem Gebiet der Republik Kroatien gibt es aus einer Vielzahl von Greifvögeln, die sich vom Aas anderer Tiere ernähren, nur noch eine Vogelart: die Gänsegeier. Auf der Insel Cres, der „Insel der Gänsegeier“, werden sie im Volksmund „Orli“ (Adler) genannt.
Über Jahrhunderte haben die Gänsegeier von der Insel Cres ihren Lebensraum mit den Menschen geteilt und haben so Eingang in Volkssagen und Legenden gefunden. Diese Ausstellung ist den Gänsegeiern als Teil des kroatischen Naturerbes gewidmet, in dem diesen Vögeln eine wichtige ökologische und kulturelle Rolle zukommt.
Der Gänsegeier (Gyps fulvus) ist mit einer Flügelspannweite von 240 bis 280 cm, einer Körperlänge bis 110 cm und einem Gewicht ausgewachsener Exemplare von 7 bis 12 kg eine der größten Vogelarten der Welt.
Das Verbreitungsgebiet der Gänsegeier erstreckt sich über weite Teile Eurasiens und Nordafrikas. In Europa sind sie hauptsächlich im Mittelmeerraum zu finden: Es wird geschätzt, dass dort etwa 25.000 Brutpaare leben. Mehr als 80 % der europäischen Gänsegeier nisten auf der Iberischen Halbinsel, wo sich ihre derzeit größte und vitalste europäische Population befindet.
Gänsegeier leben und brüten in Kolonien, die jeweils aus bis zu 150 Paaren bestehen. Die Vögel können in Gefangenschaft ein Alter von bis zu 40 Jahren erreichen, in freier Wildbahn werden sie nicht so alt. Sie ernähren sich ausschließlich vom Aas mittelgroßer bis großer Säugetiere und fressen niemals lebende Beute. So übernehmen sie die Rolle der „Gesundheitspolizei“ im jeweiligen Ökosystem, indem sie zur Hygiene beitragen und so die Ausbreitung von Infektionen verhindern.
Neben dem Gänsegeier gibt es in Europa noch drei weitere Aasfresser: Bartgeier (Gypaetus barbatus), Mönchsgeier (Aegypius monachus) und Schmutzgeier (Neophron percnopterus).
2. Gänsegeier in Kroatien
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Gänsegeier in fast ganz Kroatien verbreitet – vom Učka-Gebirge und dem Küstengebiet über die Kvarner-Inseln und das Velebit-Gebirge bis zu den Schluchten einiger Flüsse in Dalmatien, der Insel Brač, dem Biokovo-Gebirge und Teilen des Küstengebiets von Dubrovnik. Im 19. Jahrhundert wurden sie regelmäßig auch in Slawonien beobachtet. Neben dem Gänsegeier brüteten in Kroatien in früheren Zeiten auch der Mönchsgeier und der Schmutzgeier. Im 20. Jahrhundert starben sie in diesem Gebiet leider aus.
Heute ist der Gänsegeier der einzige Geier, der in Kroatien lebt. Die Vögel nisten ausschließlich auf den Kvarner-Inseln (Inseln Cres, Plavnik, Krk und Prvić), damit ist die Kvarner-Kolonie die nördlichste natürliche Kolonie dieser Art in Mittel- und Osteuropa.
Die kroatische Inselpopulation der Gänsegeier ist weltweit einzigartig, denn in der Kvarner-Bucht bauen sie ihre Nester direkt über dem Meer. Das niedrigste bekannte Gänsegeiernest liegt nur acht Meter über dem Meeresspiegel! Das Nisten von Gänsegeiern auf Küstenklippen wurde auch auf der italienischen Insel Sardinien beobachtet, jedoch liegen die Nester dort hundert oder mehr Meter über dem Meer.
Der Grund, warum die Brutplätze so niedrig liegen, hat mit dem Anstieg des Meeresspiegels vor etwa zehntausend Jahren zu tun. Derzeit nisten auf den Kvarner-Inseln bis zu hundert Gänsegeierpaare. Sie bilden eine dauerhaft ansässige Population, bestehend aus mehreren Kolonien mit teils nur wenigen Paaren oder auch einigen Dutzend Brutpaaren auf einer einzigen Klippe.
3. In der Geborgenheit des Nestes…
Geiernester mit einem Durchmesser von 60 cm bis 1 Meter werden von beiden Eltern auf Felsbändern gebaut. Das Nestmaterial – in der Regel trockene Zweige, Grashalme, Daunen und Wolle – schaffen sie im Schnabel herbei und ordnen es so an, dass das gröbere Material außen liegt und die Innenseite des Nestes mit weicher Wolle und Daunen ausgekleidet ist. Neben der in der Natur verfügbaren Nahrung ist für die Größe einer Gänsegeierpopulation auch die Anzahl der für das Nisten geeigneten Klippen ein wichtiger Faktor.
Nach der Balz, die im Oktober beginnt, paaren sich die Geier im oder in der Nähe des Nestes. Ebenso wie einige andere Vogelarten bleiben auch Gänsegeier ein Leben lang mit ihrem Partner zusammen. Zwischen Dezember und Januar legt das Weibchen ein einzelnes, bis zu 10 cm großes, weißes Ei. Beide Eltern brüten abwechselnd und wärmen das Ei. Nach einer Brutzeit von fast zwei Monaten schlüpft das Küken, indem es die Eierschale durchstößt.
Gänsegeierküken sind mit einem weißen Daunenflaum bedeckt. Sie schlüpfen mit offenen Augen und bleiben etwa vier Monate im Schutz des Nestes. Beide Eltern kümmern sich abwechselnd um das Küken. Sie sorgen dafür, dass ihm weder zu kalt noch zu heiß wird, suchen und bringen Futter und schützen es vor potenziellen Fressfeinden. Die Eltern bringen dem Küken das Futter im Kropf ans Nest und lassen es direkt in seinen Schnabel fallen. Später legen sie das Futter aus dem Kropf neben den Jungvogel, damit sich der junge Gänsegeier daran gewöhnt, selbstständig zu fressen.
Die ersten Flugversuche …
Vier Monate nach dem Schlüpfen kann der junge Gänsegeier fliegen, er bleibt aber noch ein bis zwei Monate bei seinen Eltern. In dieser Zeit unternimmt er Testflüge, lernt von seinen Eltern, wie er Luftströmungen zum Fliegen nutzen kann, und schließt sich später seinen Eltern und anderen Gänsegeiern bei der Nahrungssuche an.
Auf den Kvarner-Inseln kommt es häufig vor, dass junge, unerfahrene Vögel bei ihren ersten Flugversuchen ins Meer stürzen und ertrinken. Aus diesem Grund ist es verboten, sich den Klippen und Felsen, auf denen Gänsegeier nisten, zu nähern, um die Vögel nicht unnötig zu stören. Sollten Sie dennoch einen lebenden Gänsegeier im Meer beobachten, ist es wichtig, ihn so schnell wie möglich aus dem Meer zu bergen und zum Zentrum in Beli zu bringen oder diesen Vorfall unter der Notfallnummer 112 zu melden! Gänsegeier können nämlich nicht schwimmen, sondern treiben an der Oberfläche. Werden sie nicht rechtzeitig aus dem Meer gerettet, sterben sie binnen einer halben Stunde.
4. Auf zum Wandern!
Kvarner-Gänsegeier verlassen im ersten Lebensjahr die elterliche Brutkolonie und begeben sich auf lange, oft interkontinentale Wanderungen durch Europa, Asien und Afrika. Diese Lebensphase ist für Gänsegeier mit größten Risiken und Strapazen verbunden, daher ist auch die Sterblichkeitsrate der Vögel im ersten Jahr am höchsten. Sie liegt bei bis zu 75 %! Das Wanderleben der Gänsegeier dauert in der Regel fünf Jahre. Danach erreichen sie die Geschlechtsreife und kehren, sofern sie nicht anderswo eine Familie gründen, zum Nisten an die Kvarner-Klippen zurück.
Es wurden drei Hauptwanderrouten identifiziert. Eine verläuft im Norden durch Slowenien, Italien, Österreich, Ungarn, Deutschland, Polen und die Niederlande, eine zweite erstreckt sich im Westen bis nach Frankreich und Spanien und die dritte verläuft südöstlich bis nach Bulgarien, Rumänien, Griechenland, in die Türkei und die Ukraine und noch weiter östlich.
Anhand von GPS-Daten konnte festgestellt werden, dass es gerade junge oder nicht brütende erwachsene Vögel sind, die die Kvarner-Inseln auf einer Route verlassen, die sie über Istrien, Slowenien und die Voralpen der italienischen Region Friaul-Julisch Venetien bis in die österreichischen Hohen Tauern führt, wo sie die Sommermonate verbringen, um dann mit dem Einzug des Herbstes wieder Richtung Süden aufzubrechen.
Auf seinen Wanderungen flog ein Kvarner-Gänsegeier sogar bis nach Schweden! Der am weitesten entfernte Punkt, an dem ein auf den Kvarner-Inseln (und in ganz Europa) beringter Gänsegeier jemals beobachtet wurde, liegt in Subsahara-Afrika, genauer gesagt im Staat Tschad, 4.000 km von der Insel Cres entfernt. Für diese Strecke brauchte der Gänsegeier etwas weniger als zwei Monate.
Die Kunst des Fliegens
Geier sind ausgezeichnete Flieger, die mit minimalem Kraftaufwand große Entfernungen zurücklegen. Dies verdanken sie ihrer Fähigkeit, in der Luft zu segeln und Luftströmungen zu nutzen. Der Gänsegeier steigt auf einer Luftsäule, die sich oft entlang der Klippen bildet, in die Höhe. Wenn er eine Höhe von mehreren Hundert Metern erreicht hat, nutzt er thermische Aufwinde (die Thermik), um sich mehrere Kilometer hoch zu schrauben. So legt der Gänsegeier auf Luftströmungen Hunderte von Kilometern auf der Suche nach Nahrung zurück, ohne mit den Flügeln schlagen zu müssen.
Wussten Sie schon?
- Segelflugzeuge nutzen das gleiche Flugprinzip wie Gänsegeier.
- Gänsegeier fliegen nicht gern über große, offene Gewässer, da es dort keine Aufwinde gibt.
- Wenn Gänsegeier gemeinsam ein Gebiet nach Aas absuchen, können sie sich gegenseitig auf eine Entfernung von bis zu 12 Kilometern erkennen.
5. Der Geier als Anpassungskünstler …
Die Hauptnahrungsquelle der Kvarner-Gänsegeier sind verendete Schafe. Sie können bis zu 2 Kilogramm Aas auf einmal fressen: 30 Gänsegeier können somit ein 40 kg schweres Schaf in 15 Minuten verzehren! Aufgrund der großen Nahrungskonkurrenz schlucken sie die Bissen schnell hinunter und „speichern“ sie vorübergehend in der Aussackung der Speiseröhre, dem Kropf. Wenn sie einmal keine Nahrung finden oder die Flugbedingungen schlecht sind, können Gänsegeier bis zu 14 Tage ohne Nahrung auskommen.
Gänsegeier zeichnen sich durch ihren langen, flexiblen Hals aus, der mit dicken Flaumfedern bedeckt ist. Dadurch können sie mit dem Kopf tief in das Aas eindringen und zu den inneren Organen und anderem Weichgewebe gelangen, von dem sie sich ernähren. Da sich Gänsegeier ausschließlich von Kadavern ernähren, haben ihre Füße keine stark gebogenen Krallen zum Greifen, sondern sind gut zum Gehen geeignet.
Gänsegeier besitzen zwar keinen Geruchssinn, verfügen aber über ein außergewöhnlich gutes Sehvermögen, das es ihnen ermöglicht, Beute aus großer Höhe zu entdecken. Darüber hinaus beobachten sie oft das Verhalten anderer Vögel, insbesondere Raben, deren Ansammlung am Boden auf ein verendetes Tier hinweisen kann. Ihr Sehvermögen ist so gut entwickelt, dass sie ein Objekt mit einem Durchmesser von 7 cm aus einer Höhe von einem Kilometer erkennen können.
Was unterscheidet junge und erwachsene Gänsegeier?
Junge Gänsegeier haben dunkle Augen, die mit zunehmendem Alter heller werden und ihre Farbe von Schwarz zu leuchtendem Gelb ändern. Auch der schwarze Schnabel junger Vögel wird bei älteren Vögeln heller, ebenso wie die charakteristische Halskrause ihre Form und Farbe von lanzettförmig und hellbraun bei Jungvögeln zu flaumig und weiß bei erwachsenen Vögeln verändert. Gänsegeier sind im Alter von 6 bis 7 Jahren ausgefärbt und geschlechtsreif. Die Art zeigt keinen Geschlechtsdimorphismus, das heißt Weibchen und Männchen sehen gleich aus.
6. Die Herausforderung, zu überleben …
Der menschliche Einfluss auf die Natur und andere Lebewesen wirkt sich oft negativ auf einzelne Arten aus. Tierarten, die von Natur aus nur in geringer Zahl vorkommen oder empfindlich sind und sich nur schwer an die vom Menschen verursachten Auswirkungen anpassen können, werden oft nahezu ausgerottet oder verschwinden ganz von der Erde.
Aufgrund einer Reihe ungünstiger Faktoren, wie dem Rückgang der Anzahl und der natürlichen Sterblichkeit von traditionell (extensiv) gehaltenen Nutztieren, ist die Zahl der Gänsegeier in Kroatien (und in anderen Teilen Europas) im letzten Jahrhundert drastisch zurückgegangen. Illegale Tötungen sowie unbeabsichtigte Vergiftungen haben zu diesem Rückgang ebenfalls beigetragen. In der Vergangenheit führten vergiftete Köder, die für Wölfe, Schakale, Füchse und andere Raubtiere bestimmt waren, häufig zum Tod von Gänsegeiern. Der letzte größere Fall einer unbeabsichtigten Vergiftung von Gänsegeiern in Kroatien ereignete sich 2004 auf der Insel Rab, als gleich 21 Gänsegeier durch einen mit Carbofuran vergifteten Köder, der für Schakale ausgelegt war, getötet wurden.
Heute sind Gänsegeier wie andere Vögel, insbesondere größere Greifvögel, zunehmend durch die Kollision mit Rotoren von Windkraftanlagen und Stromschläge an unsachgemäß errichteten Strommasten gefährdet.
Zu den Ursachen, die sich negativ auf den Bruterfolg auswirken können, gehören auch unzulässige Freizeit- und Tourismusaktivitäten in der Nähe der Klippen – insbesondere im Sommer, wenn junge Gänsegeier in den Nestern hocken. Dazu gehört es, mit Touristenbooten zu nahe an die Klippen heranzufahren, um die Brutplätze der Gänsegeier zu besichtigen, und sich dort zu lange aufzuhalten. Solche Aktivitäten sowie Tauchboote, die ganztägig unterhalb der Klippen für touristische Tauchgänge verbleiben, können das Leben in der Kolonie stören und dazu führen, dass Jungvögel ins Meer stürzen.
7. Wie kann man Gänsegeier schützen
Der Gänsegeier steht international unter dem Schutz der Bonner, Berner und Washingtoner Konvention sowie der EU-Vogelschutzrichtlinie.
In Kroatien ist der Gänsegeier heute laut Naturschutzgesetz eine streng geschützte Art. Alle Kvarner-Inseln wurden in das europäische Netz von Schutzgebieten „Natura 2000“ mit dem Ziel aufgenommen, die Vielfalt der Vogelarten zu erhalten. Teile der Küstengebiete mit Klippen, auf denen Gänsegeier nisten, sind als Vogelschutzgebiete (ornithologische Reservate) ausgewiesen.
Zum ersten Vogelreservat der Welt, dessen Hauptziel der Schutz von Gänsegeiern war, wurden 1969 die Küstenklippen vom Kap Glavine bis zur Bucht Mala Luka auf der Insel Krk erklärt! Es folgten drei weitere Vogelreservate: 1972 eines auf der Insel Prvić und im Jahr 1986 zwei an den Klippen der Insel Cres.
Das Reservat im Norden von Cres erstreckt sich von der Bucht Fojiška bis zur Bucht Pod Predošćica und ist heute besser unter dem Namen Kruna bekannt, wie eine malerische Klippe nahe dem Ort Beli genannt wird. Das Reservat im mittleren Teil der Insel umfasst die Küste von der Bucht Mali Bok bis zur Bucht Koromačna und ist heute als Pod Okladi bekannt, nach dem lokalen Namen für die Klippen bei Orlec. Interessanterweise leitet sich der Name dieses Dorfes von „Orli“ („Adler“) ab, dem lokalen Namen für Gänsegeier.
In Sonderreservaten sind die Raumnutzung und die Aktivitäten ganz auf den Schutz der Besonderheiten ausgerichtet, für die das Reservat ausgewiesen wurde. Daher sind Eingriffe und Aktivitäten nicht erlaubt, die diese gefährden könnten.
Gänsegeier gehören in Kroatien zu den bedrohten Arten und müssen daher aktiv geschützt werden, um ihren Bestand für die Zukunft zu sichern. Aus diesem Grund wurde auf der Insel Cres eine Futterstelle eingerichtet, wo Schafskadaver absichtlich liegen gelassen werden, damit die Vögel sie fressen können. So können auch Daten über beringte Gänsegeier gesammelt werden.
Eine wichtige Futterstelle, die auch von Kvarner-Gänsegeiern besucht wird, befindet sich an der Zugroute in der italienischen Region Friaul-Julisch Venetien im Naturschutzgebiet Lago di Cornino. Dort lebt im Tagliamento-Tal die nächstgelegene Brutpopulation von Gänsegeiern, die in den 1990er-Jahren erfolgreich aus Spanien wiederangesiedelt wurden.
8. Das Zusammenleben von Mensch und Tier
Im Laufe der bewegten Geschichte dieser Gegend, in der die Einheimischen vor allem von der traditionellen Landwirtschaft lebten, darunter auch von der extensiven Schafhaltung, entwickelte sich auf der Insel Cres und auf den anderen Kvarner-Inseln eine Landschaft, die das Überleben der Gänsegeier ermöglichte. So gab es beispielsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Cres 60.000 Schafe.
Es wird angenommen, dass dieses relativ kleine Gebiet aufgrund der extensiven Viehzucht zur Heimat der letzten Gänsegeier Kroatiens wurde. Die Nutztierhaltung, die hier noch immer mit etwa 15.000 Schafen aufrechterhalten wird, sichert den Gänsegeiern ausreichend Nahrung in Form von Schafkadavern, die sie zwischen den Trockenmauern oder auf den Felsen der Inselweiden finden. Ein weiterer entscheidender Faktor sind die Klippen, die sich bestens zum Nestbau eignen.
Die malerischen, direkt aus dem Meer aufragenden Klippen mit ihren Einschnitten und kargen Flächen mit duftender Vegetation bieten nicht nur Gänsegeiern, sondern auch anderen seltenen und interessanten Vögeln Schutz, die hier brüten oder das Gebiet auch nur gelegentlich besuchen. Dazu gehören Steinadler, Schlangenadler, Wanderfalke, Turmfalke, Uhu, Rabe, Blaumerle, Mauerläufer und Krähenscharbe. Die Pflanzengemeinschaften, die die Felsspalten und das Geröll besiedeln, sind endemisch und in der Region Kvarner einzigartig.
9. Gänsegeier in der Geschichte …
Gänsegeier und andere Geierarten spielen seit jeher in der Geschichte der Menschheit eine wichtige symbolische und kulturelle Rolle. Da die Flügelknochen der Gänsegeier sehr lang und – wie bei anderen Vögeln – hohl sind, nutzten sie die Menschen bereits in der mittleren Altsteinzeit (Mittelpaläolithikum) zum Bau der ersten Blasinstrumente.
Die ältesten Flöten aus Gänsegeierknochen wurden in einer Höhle im Südwesten Deutschlands gefunden. Ihr Alter wird auf über 35.000 Jahre geschätzt. Zu dieser Zeit besiedelte der moderne Mensch Europa und verdrängte den Neandertaler.
Gänsegeier wurden im alten Ägypten und im antiken Rom verehrt. Zwei altägyptische Göttinnen, Nechbet und Mut, wurden in der Gestalt eines Gänsegeiers dargestellt. Auch die ägyptischen Hieroglyphen enthielten ein Symbol für den Gänsegeier.
Im antiken Rom wurden Flöten auch aus den Knochen von Gänsegeiern hergestellt, die als prophetische Vögel galten und mit vielen Gottheiten in Verbindung gebracht wurden. Der Brauch der „Himmelsbestattung“ wird in Tibet noch heute praktiziert. Man glaubt, dass die Seele leichter aus dem Körper des Verstorbenen entweichen kann, wenn man ihn den Geiern zum Fraß überlässt.
Auf der Insel Cres sind Gänsegeier auf dem Wappen der Adelsfamilie Ferricoli abgebildet, das auf ihrem Grabstein aus dem 17. Jahrhundert in der Kirche St. Katharina in der Stadt Cres eingemeißelt ist.
10. Die Legende der Gänsegeier von Cres
Man sagt, dass die Gänsegeier (oder Bejski Orli – die „Adler von Beli“ – wie man sie hier nennt) einst sangen. Ihr Gesang war so ungewöhnlich und schön, dass ihn kein anderer Vogelgesang übertreffen konnte, ebenso wie ihre magische Flugkunst unübertroffen ist. Sie galten als in Vogelfedern gehüllte Feen. Auch ihre Stimme war feenhaft. Mit ihrem Gesang haben sie jeden verzaubert und brachten ihn dazu, seine Tätigkeit für eine Weile zu unterbrechen, egal ob er arbeitete oder sich unterhielt.
Die Einwohner des Dorfes Beli lauschten gerne stundenlang ihrem Gesang und vernachlässigten so oft ihre Arbeit. Auch der örtliche Pfarrer war davon betroffen, da sonntags fast niemand mehr zur Messe kam. Besonders schlimm erging es den Menschen aus den Dörfern im umliegenden Tramuntana-Gebiet. Wenn sie sonntags frühmorgens zur Messe gingen und unterwegs den Gesang der Gänsegeier hörten, verloren sie jedes Zeitgefühl. Sie waren wie verzaubert und vergaßen auf den Gottesdienst und den heiligen Tag.
Die betörten Menschen kamen stets mit einer Entschuldigung zum Pfarrer, doch diese Situation wiederholte sich immer wieder. Wenn das „Gloria“ begann, war die Kirche in Beli nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Der Pfarrer flehte deshalb verzweifelt zur Jungfrau: „Mutter Gottes, heilige Jungfrau, nimm den Gänsegeiern die Feenstimme.“ Die Jungfrau Maria erbarmte sich des Pfarrers, die Gänsegeier verloren ihre Stimme und seitdem hört man sie nur noch krächzen.
Diese Legende wurde der Veröffentlichung „Die Geschichte der Gänsegeier der Insel Cres“ (V. Radek und G. Sušić) entnommen. Sie basiert auf den Aufzeichnungen von Pater Mužina und den Erzählungen des verstorbenen Monsignore Josip Bandera, der den Großteil seines Lebens und Dienstes auf seiner Heimatinsel Cres verbrachte und in Beli begraben ist.
Auf der Kruna, nahe meinem Dorf,
bauen die Adler ihr Nest,
tauchen in den Himmel,
kreisen,
steigen empor,
und messen sich mit dem Sturm…
(A.V.Mihelčić)
1. ALTSTEINZEIT – FORSTWIRTSCHAFT
Das jahrtausendealte Zusammenwirken von Mensch und Natur auf der Insel Cres hat dazu geführt, dass die Artenvielfalt erhalten blieb. Die traditionelle Lebensweise, die der Ethnologe Andrija Bortulin aus Beli zu Beginn des 20. Jahrhunderts dokumentierte und die auf extensiver Schafzucht, Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei basiert, ist der Grund für das Überleben der Gänsegeier. Diese Art steht an der Spitze der Nahrungskette und wäre daher von Störungen des ökologischen Gleichgewichts sehr betroffen.
Das Karstgebiet der Tramuntana ist reich an Felsspalten und Höhlen, in denen sich teils Spuren der ersten Bewohner dieser Gegend verbergen – paläolithischer Jäger. Sie lebten hier in der Altsteinzeit vor 12.000 Jahren, als die nördliche Adria noch zum Festland gehörte und die heutigen Inseln mit dichten Wäldern bewachsene Hügel waren. Die Tramuntana ist heute noch von dichten Flaum- und Zerreichenwäldern bedeckt, die aufgrund ihres Alters und Erhaltungszustands von Bedeutung sind. Diese Wälder sind geradezu mystische Orte, und man kann sich gut vorstellen, warum die Eiche im Altertum als heiliger Baum galt. Früher glaubte man, dass in den Wäldern und Höhlen übernatürliche Wesen oder Feen lebten, die man im Volksmund Vile (Feen), Štriguni (Hexen), Kudlaki (Werwölfe) oder Masmalići nannte. Der Masmalić war ein kleiner Mann, der mit den Menschen oft Unfug trieb. Er lebte in Höhlen, in denen er große Reichtümer versteckte. Wenn jemand reich wurde, sagten die Leute daher, er habe einen Masmalić auf dem Dachboden. Die Wälder der Tramuntana sind jedoch nicht nur spirituelle Orte, sondern haben auch einen wirtschaftlichen Wert, den die Venezianer schon früh entdeckten. Entgegen der landläufigen Meinung zerstörten sie die Wälder in diesem Gebiet nicht, sondern bewirtschafteten sie nachhaltig und planmäßig. Sie führten eine spezielle Methode zum Rückschnitt von Bäumen ein, die sogenannte Schneitelung (kroatisch Pedalenje), bei der der Baum noch im Wachstum geformt wurde. Stärkere Stämme (Pedali) wurden in einer Höhe von 3 bis 6 Metern gefällt, woraus in 10 bis 15 Jahren neue Triebe wuchsen, die als Brennholz genutzt wurden. Auf diese Weise konnte ein einzelner Baum in mehrfacher Weise verwendet werden. Holz von besserer Qualität wurde für den Haus- und Schiffsbau genutzt, Holz von minderer Qualität als Brennholz und zum Heizen von Kalköfen bzw. zur Kalkherstellung.
2. Jungsteinzeit – Landwirtschaft
In der Jungsteinzeit stieg der Meeresspiegel und die nördlichen Adriainseln entstanden. Daraufhin siedelten sich Menschen im Tramuntana-Gebiet an. Man geht davon aus, dass Liburner, ein indoeuropäischer Volksstamm, die ersten Siedlungen (Wallburgen) auf den Hügeln errichteten. Sie begannen, das Land zu kultivieren und zu roden, indem sie Bäume fällten und Steine entfernten, um Ackerland zu gewinnen. Diese mühsame Tätigkeit prägte über Jahrhunderte die Kulturlandschaft der Tramuntana, wie wir sie heute kennen. Zum Anlegen von Gartenbeeten schleppten die Menschen Erde in Körben herbei, um größere Ackerflächen zu schaffen, die höhere Erträge brachten. In der Tramuntana wurde auch in kleinen Mengen Getreide angebaut: Weizen, Roggen, Gerste, Hirse und Buchweizen. Der Ertrag reichte jedoch nur für drei bis vier Monate im Jahr, sodass oft Hunger herrschte. Neben Getreide wurden Gemüsekohl, Broskva (Blattkohl ähnlich), Wirsing, Erbsen, Saubohnen, Bohnen, Kartoffeln, Rüben, Karotten, Knoblauch und andere Feldfrüchte angebaut.
DAS BROT
Nach der Ernte wurde das Getreide auf einer Tenne – einer kreisförmigen, eingezäunten Fläche namens Guvno – gedroschen, um die Körner von der Spreu zu trennen. Anschließend wurden mithilfe eines Siebs und des Windes Verunreinigungen entfernt. Das Getreide wurde in Hausmühlen gemahlen, und aus dem so gewonnenen Mehl wurden Brot, Kuchen und Nudel zubereitet. Es wurden verschiedene Brotsorten gebacken: Strusni (Schwarzbrot aus Gerstenmehl) und Splošni (aus mehreren Mehlsorten). Wenn das Getreide aufgebraucht war, wurden Maiskolben oder Olivenkerne zu Mehl gemahlen. Für süßes Brot wurde Honig hinzugefügt. Brot wurde auch aus Mehl gebacken, dem gemahlene, getrocknete Früchte des Speierlings beigemischt wurden. Zu Ostern wurden süßes Brot (Pogača) und für Kinder aus demselben Teig Zöpfe (Sisirnjak) gebacken. Škanjeta ist ein weißes, süßes Brot das zu kleinen Kuchen geformt und am Fest des heiligen Johannes oder des heiligen Petrus zubereitet wird. Paprenjaci waren eine traditionelle Weihnachtsspezialität. Dabei handelte es sich um Kekse aus Mehl, Honig, Eiern, Käse, schwarzem Pfeffer und Zucker. Der Teig wurde in einer Kaponca (ausgehöhlten Holzschüssel) geknetet und im Steinofen gebacken oder zusammen mit anderen Speisen auf dem Herd zubereitet.
3. SCHAFHALTUNG
Das traditionelle Leben in der Tramuntana war geprägt von extensiver Schafhaltung. Die Schafe grasten im Freien auf von Trockenmauern umgebenen Weiden. Diese wurden Ograjice genannt und konnten sich in Privat- oder Gemeinschaftsbesitz befinden. Zu besonderen Anlässen (Lammen, Scheren, Melken und in sehr kalten Wintern) wurden die Schafe in speziellen Trockenmauer-Pferchen, den Margari, zusammengetrieben. Jedes Schaf hatte ein Beleh – ein Zeichen an den Ohren, das zeigte, wem es gehörte. War jemand arm, so hieß es, er habe „nicht einmal ein eigenes Beleh“. Das Leben auf der Insel lehrte die Menschen, alles zu nutzen, was die Schafe hergaben: das Fleisch als Nahrung; ihre Milch für Käse, Butter und Quark; die Wolle für Kleidung und ihre Haut für den Mijeh – ein traditionelles Instrument, ähnlich dem Dudelsack. Schafsfett wurde zur Seifenherstellung oder zum Polieren von Lederschuhen verwendet. Ohne diese Form der Schafhaltung, bei der die Tiere das ganze Jahr über im Freien bleiben (was die Sterblichkeitsrate erhöht), gäbe es wohl keine Gänsegeier mehr. Die Greifvögel sind indirekt von den Menschen, genauer gesagt von den Hirten abhängig, aber umgekehrt sind die Menschen auch auf die Geier angewiesen – insbesondere in Karstgebieten, wo tote Schafe nicht geborgen werden können. Dank dieser jahrtausendealten Beziehung gehören Gänsegeier bis heute zu den prächtigsten Vögeln, die über unseren Himmel ziehen.
Neben den Schafen wurden in der Tramuntana auch Rinder gehalten, die hauptsächlich zum Holztransport und zum Pflügen eingesetzt wurden. Wohlhabendere Familien besaßen auch Pferde. Jeder Haushalt hatte außerdem Ziegen, Schweine und Hühner.
WASSER / TEICHE
Die Entstehung fast aller Siedlungen in der Tramuntana war mit der Verfügbarkeit von Trinkwasser verbunden, d. h. mit dem Vorhandensein von Karstteichen als natürlichen Wasserquellen für Mensch und Tier. Einige Teiche wurden von Menschen ausgehoben und dienten hauptsächlich als Schaftränken. Unabhängig davon, ob sie sich auf privatem oder kommunalem Grund befanden, waren Teiche stets öffentlich zugänglich und konnten nicht in Privatbesitz gelangen.
Neben Teichen waren die Hauptwasserquellen für Beli die sogenannten Römer-Brunnen in der Schlucht eines Wildbaches, dessen Wasser auch zum Trinken genutzt wurde. Es wird vermutet, dass die Römer diese Brunnen als Zisternen für ihre Siedlung Caput Insulae errichtet hatten.
4. DIE RÖMER – KOMMUNALE SELBSTVERWALTUNG
An der Stelle einer prähistorischen Wallburg gründeten die Römer im 1. Jahrhundert v. Chr. die Siedlung Caput Insulae (lateinisch für Kopf der Insel). Dieser Standort war für sie von großer strategischer Bedeutung, da er ihnen die Kontrolle über die umliegenden Gewässer ermöglichte. Caput Insulae hatte den Status einer res publica, was bedeutete, dass seine Einwohner die gleichen Rechte hatten wie die Bürger Roms. Im Mittelalter behielt Beli seine aus der Römerzeit geerbte Unabhängigkeit bei. Obwohl die obersten Behörden von Cres oft hohe Steuern einzogen, blieben die alten Rechte der Gemeinde Beli unbestritten, bis sie 1494 von der venezianischen Verwaltung aufgehoben wurden. Doch auch nach dem Verlust der Unabhängigkeit ging die lokale Bevölkerung häufig gegen Personen vor, die Gewohnheitsrechte verletzten. Mehrfach erhob sie sich durch einen Bevollmächtigten sogar gegen den venezianischen Dogen. Relikte dieses Gewohnheitsrechts und der dörflichen Selbstverwaltung spiegeln sich im Amt des Ancijon wider, einem Dorfältesten, der noch bis ins 20. Jahrhundert kleinere Streitigkeiten im Dorf schlichtete und Entschädigungen für das Fällen von Bäumen oder das Weiden auf fremdem Land sowie die sogenannte Rabota festlegte –öffentliche Arbeiten zur Reinigung von Teichen und anderen Gemeinschaftsflächen.
DIE ANKUNFT DER KROATEN – CHRISTIANISIERUNG – VOLKSFRÖMMIGKEIT
Im 7. Jahrhundert begannen die Kroaten die intensive Besiedlung ihrer heutigen Heimat. In dieser Zeit siedelten sie sich auch auf der Insel Cres an und führten die dort vorgefundene Lebensweise fort. Sie nahmen nach und nach das Christentum an und praktizierten ihren Glauben in altkirchenslawischer Sprache und mit der glagolitischen Schrift, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erhalten blieb. Eines der historisch interessanten Merkmale der Tramuntana ist die Vielzahl kleiner Kirchen, es gibt ungefähr vierzig. Die Menschen errichteten diese Kirchen als Stiftungen oder an Orten, an denen sie bestimmte Zeiten des Jahres zum Arbeiten verbrachten. Die Einwohner von Beli pflegten verschiedene Formen der Volksfrömmigkeit. Die interessanteste davon sind wohl die Oposići – lange, auf einem dünnen Seil aufgefädelte Kerzenketten, die die Frauen von Beli traditionell vor ihren Kaminen herstellten. Am Tag der Kirchweih (dem dritten Sonntag im Oktober) wurde die Kirche dreifach mit den Oposići umgürtet, und am Markustag wurden Weiden und Vieh damit gesegnet. An Mariä Lichtmess (Kandelora) schnitt der Priester die Oposići in einzelne Stücke und verteilte sie an die Menschen, die sie als Segen mit nach Hause nahmen.
5. MITTELALTER – RÄUMLICHE ORGANISATION VON SIEDLUNGEN UND HIRTENHÜTTEN
Im Mittelalter entwickelten sich die Siedlungen und Hirtenhütten auf der Insel weiter und bildeten den Rahmen für ein traditionelles Leben, das bis ins 20. Jahrhundert nahezu unverändert blieb. Neben festen Siedlungen entstanden in der Tramuntana auch Hirtenhütten (kleine Steinhäuser für die Schäfer) als temporäre Unterkünfte auf Ländereien, die dem Adel, der Kirche oder auch der Gemeinde gehörten. Diese Hirtenhütten, von denen aus neben der Schafhaltung oft auch Forst- und Landwirtschaft betrieben wurde, verwaltete der sogenannte Bravor in Zusammenarbeit mit einigen Hirten.
Die Hirtenhütten wurden aus Stein gebaut, der in dieser Karstregion reichlich vorhanden war, und mit der charakteristischen roten Erde als Bindemittel. Es handelte sich um zweistöckige Häuser mit dem charakteristischen Baladur – einem Eingang mit Treppe. Meist gab es Nebengebäude in Form von Ställen (Štoli), niedrigen einräumigen Bauten für das Vieh. Die gesamte Landschaft der Tramuntana prägten ein- oder zweireihige Trockenmauern (Gromače). Diese Mauertechnik wurde auch zum Bau von Barbakani (niedrigen Mauern, die Gartengrundstücke abtrennen), Klanci (Wege), Ograjice (Zäunen) und Margari (Schafpferchen) verwendet. In die Mauern eingesetzte Holztore (Zatoke) ermöglichten den Durchgang.
6. DIE VENEZIANER – DER HANDEL
Die Insel Cres war mehr als 300 Jahre lang unter venezianischer Herrschaft: von 1409 bis zum Untergang der Republik Venedig im Jahr 1797. Obwohl die Weine und das Olivenöl der Insel zu den besten der Republik zählten, entsprachen die Exportpreise nicht ihrem Marktwert, sondern wurden in Venedig festgelegt und waren in der Regel niedriger als die Preise venezianischer Produkte.
OLIVEN
Die Olive (Olea europaea) wurde von den Römern ins Tramuntana-Gebiet gebracht. Durch die intensive Schafhaltung entwickelte sich eine besondere Verbindung zwischen Schafen und Oliven. Die Schafe grasten in den Olivenhainen, beseitigten so das Unkraut und düngten zugleich den Boden. In dieser Gegend können Olivenbäume über 1.000 Jahre alt werden. Die meisten Haine gab es entlang der Küste von Porozina bis Dragozetići sowie in Dol und in der Umgebung von Beli.
Die Oliven wurden per Hand von den Bäumen gepflückt und in einem um die Hüfte getragenen Beutel (Maletica) oder in einem Korb gesammelt. Zum Biegen der Zweige benutzte man einen speziellen Haken. Die Oliven wurden zu Hause auf ganz einfache Weise gepresst, indem man sie mit den Füßen in speziellen Holzschuhen stampfte. Während der österreichischen Herrschaft wurde in Beli eine Olivenmühle (Toš) gebaut, die bis in die 1930er Jahre in Betrieb war. Nach dem Pressen wurde das Öl zusammen mit dem Bodensatz (Murka) in einem Fass (Barilnjak) gelagert. Zum Auffangen des nach dem Pressen verbleibenden Öls verwendeten die Menschen Gänsegeierfedern.
WEINBAU
Fast der gesamte nährstoffreiche Boden an den Hängen war mit Weinreben bepflanzt. Die Reben wurden auf spezielle Weise beschnitten, mit Weidenrinde (Žukva) an einen Pfahl gebunden und zum Schutz vor Krankheiten geschwefelt. Nach der Weinlese wurden die Trauben in Fässern gelagert und mit den Füßen gestampft. Anschließend wurde der Most in spezielle Behälter bzw. Fässer gefüllt. Der Wein wurde in Flaschen unterschiedlicher Größe und großen Fässern aufbewahrt und aus Krügen getrunken. Die Weinberge von Beli wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Reblaus und Falschen Mehltau größtenteils zerstört.
7. UNTER ÖSTERREICHER REGENTSCHAFT – AUF DEM WEG ZUR MODERNITÄT
Im Jahr 1814 kam Cres unter österreichische Herrschaft, was zahlreiche Neuerungen mit sich brachte. So wurde ein Kataster eingeführt, es wurden Schulen eröffnet, regelmäßige Volkszählungen durchgeführt und die Lebensbedingungen generell verbessert. 1861 wurde in Beli eine sogenannte Trivialschule eröffnet, die jedes Kind im schulpflichtigen Alter besuchen konnte. Der Unterricht fand auf Kroatisch statt. Das heutige Gebäude des Besucherzentrums Beli wurde 1929 während der faschistischen Besatzung als Schule zur Italianisierung der einheimischen Bevölkerung errichtet. Zu diesem Zweck wurden auch italienische Lehrer hierhergeholt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sank die Schülerzahl stetig, bis die Schule 1980 endgültig geschlossen wurde.
BAUXITABBAU
Unter der österreichischen Regentschaft begann in der Tramuntana der Bauxitabbau. Bauxitminen fanden sich in der Nähe des Dorfes Niska und der Hirtenhütte Srednji. Während des Ersten Weltkriegs arbeiteten auch russische Kriegsgefangene in den Minen. Die Italiener setzten nach Kriegsende den Bauxitabbau fort und nahmen 1935 eine Seilbahn zwischen der Mine Niska und dem Hafen in Podbeli in Betrieb.
8. REISEN / AUSWANDERUNG
Die Insel Cres hatte bereits in prähistorischer Zeit intensive Kontakte zum Festland über die sogenannte „Bernsteinstraße“, die von der Ostsee nach Aquileia und dann über Cres in weitere Mittelmeerregionen führte. Durch die Gründung der Siedlung Caput Insulae verbanden die Römer diese über eine Straße mit ihren anderen Siedlungen auf der Insel. Sie bauten auch eine Brücke über die Potok-Schlucht, die heute die einzige erhaltene römische Brücke an der östlichen Adria ist. Straße und Brücke wurden mehrfach renoviert und dienten den Einwohnern von Beli für den Transport von Personen und Gütern in traditionellen Karren (Kor). Die an einzelnen Stellen noch sichtbaren Spurrillen der Ochsenkarren zeugen von der jahrhundertelangen Nutzung der Straße.
Auf dieser Route wanderten zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben von Beli in die ganze Welt aus.
Im 19. und 20. Jahrhundert wandte sich ein Teil der Bevölkerung der Seefahrt zu, und so gelangten ausländische Produkte wie chinesisches oder englisches Geschirr in die Haushalte von Beli.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es aus wirtschaftlichen und politischen Gründen zu einer starken Auswanderungsbewegung und einem drastischen Bevölkerungsrückgang in der Tramuntana. Viele Einwohner von Beli zogen nach Rijeka oder Italien (sogenannte Optanten), nach Amerika (hauptsächlich Chicago) oder Australien. In nur acht Jahren (von 1945 bis 1953) sank die Einwohnerzahl um mehr als 70 %.
9. BAUL

Baul ist die Bezeichnung für eine Truhe mit Deckel, die auf langen Reisen wie Seereisen über den Ozean als Reisetruhe genutzt wurde. In solchen Truhen gelangten verschiedenartigste Gegenstände und Novitäten nach Beli.
Baul symbolisierte die Verbindung eines kleinen Inseldorfes mit den Wundern ferner Länder – die Truhe war Belis „Fenster zur Welt“.
Heben Sie gerne den Deckel an und werfen Sie einen Blick hinein!
10. KÄSEHERSTELLUNG
Laut einem Sprichwort mussten bis zum Georgstag (23. April) alle Lämmer von den Mutterschafen getrennt sein, um mit dem Melken und der Käseherstellung zu beginnen. Die Person, die den Käse herstellte, hieß Solarica. Der Käse wurde hergestellt, indem man den Pansen vom Schwein oder Lamm in die Milch mischte. Nachdem die Milch auf dem Herd eingedickt war, wurde sie gerührt und dann mit den Händen gut ausgepresst. Anschließend wurde sie mit Salz eingerieben und in eine Žetica gegeben (einen bodenlosen zylindrischen Holzbehälter, aus dem das überschüssige Wasser ablaufen kann). Der Käse wurde dann mit einem Deckel (Tareić) abgedeckt und mit einem Holzzylinder (Ožetilo) gepresst. Anschließend wurde der Käse auf einem Kaserić (eine Holzkiste mit offenem Boden oder einfach ein Gitter), der an einem Balken im Haus aufgehängt war, zum Trocknen ausgelegt. Aus dem Wasser, das nach dem Abtropfen des Käses übrig blieb, gewann man Skuta oder Pujina (Quark). Butter wurde hergestellt, indem man den abgeschöpften Rahm zunächst in einem Holzgefäß (Klatača) schlug und dann über der Glut schmolz.


















